Herr Stark, warum sollte man eigentlich einen Architekten wie Sie beauftragen?

Weil es neben vielen gestalterischen, technischen und baurechtlichen Fragen zunächst um die Frage nach den eigentlichen Bedürfnissen geht. Diese können, je nach Bauaufgabe, sehr unterschiedlich sein. Wir sortieren und finden heraus, welche Aspekte unseren Bauherren besonders wichtig sind und welche Stellschrauben es überhaupt gibt.

Stellschrauben?

In der Regel stehen gewisse Dinge schon fest: Die Nutzung, der Ort, das Budget, dazu das Baurecht und andere Faktoren. Wir wollen herausfinden, welche Ideen, Bilder, Visionen – ja vielleicht sogar Träume – darüber hinaus bestehen.

Haus für Geoinformationen, Kranzberg

Verwaltungsgebäude, Berlin

Das müssen Sie nun erklären: Träume hinter den Bildern?

Wir hatten schon Auftraggeber, die die Vorstellung von „Wohnen mit Büchern“ hatten. Oder ein amerikanischer Softwarekonzern, der mit seinem Bekenntnis zum ländlichen Standort die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen und seinen „High Potentials“ ein hochwertiges und behagliches Umfeld bieten wollte.

Je nach Aufgabe können es unterschiedlichste Themen sein oder sehr persönliche Visionen, die am Anfang meist noch sehr vage sind.

Und das gilt auch für Unternehmer, die ein Büro brauchen, eine Lagerhalle ...

... oder die Kirche, die Sie beauftragt, ein Gotteshaus zu entwerfen?

Die Herangehensweise unterscheidet sich kaum, die Schwerpunkte sind nur andere.

Gästehaus St. Brigida, Ligurien

Education Center Nyanza, Ruanda

Was zeichnet Dominikus Stark Architekten aus?
Verdichten, hinter die Wünsche blicken – was zeichnet Sie sonst noch aus?

Ich möchte Orte schaffen mit Qualitäten, die über den reinen Zweck hinausgehen: Häuser für die Sinne. Und dabei geht es mir immer um innen und außen. Ich schätze Häuser, die menscheln dürfen, Häuser, die Erinnerungen wecken, Häuser, die Platz für die kleinen Dinge lassen.

Jeder kennt diese Orte, die eine spezielle Qualität haben, eine gute Atmosphäre. Manchmal haben sie mit der Kindheit zu tun. Das können verschiedene Bilder sein: eine Bank vor dem Haus, ein schöner Innenhof, Wasser, eine Stube mit knarzendem Holzboden. Für mich geht es darum, Qualitäten zu schaffen, die langfristig Gültigkeit haben.

Wir sind von einer extremen Schnelllebigkeit umgeben. Die Zeiten des Mangels sind lange vorbei. Alles ist zu jeder Zeit verfügbar. Umso mehr braucht es Orte, an denen wir ankommen können. Orte, die unsere Sinne, unsere Seele nähren. Das gilt für das Arbeiten genauso wie für das Wohnen oder die Kultur.

Apartment Contaroudas, London

Verwaltungsgebäude, Kranzberg

Für welche Art von Architektur stehen Sie?

Palladio spricht davon, dass ein gutes Gebäude drei Dinge erfüllen muss: Nutzen, Dauerhaftigkeit, Schönheit. Das trifft es sehr gut. Nur wenn alle Themenblöcke ernsthaft behandelt wurden, erreichen wir etwas Tragfähiges. Jeden Themenblock kann man einzeln beleuchten, aber alles muss zusammenkommen. Es geht darum, eine Aufgabe ganzheitlich zu betrachten. Abkürzungen bringen nichts.

Sind Sie ein nachhaltiger Architekt?

Ich definiere Nachhaltigkeit über Schönheit. Dabei spielt Akzeptanz die zentrale Rolle. Ein schönes Gebäude wird gerne genutzt, wir passen darauf auf und pflegen es. Dauerhafte Materialien, die wertig altern, führen zu einer hohen Akzeptanz und damit zu einer längerfristigen Gültigkeit. Ein schönes Gebäude ist nachhaltig.

Was halten Sie von Moden in der Architektur?

Ein Gebäude, das modischen Trends folgt, ist nach kurzer Zeit nicht mehr aktuell, man hat sich sattgesehen, und dann fangen die Probleme an. Das Haus, in dem mein Büro liegt, stammt aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts. Was gibt es da zu mäkeln? Sicher, die Decken hängen etwas durch und der Stuck ist stellenweise locker, aber unterm Strich ist es tragfähig. Hohe Räume, gute Belichtung … Es sind wieder die einfachen Dinge, gut gemacht.

Stadthaus, München

Haus für Geoinformationen, Kranzberg

Was verstehen Sie unter Qualität?

Qualität hat für mich mit Geist und Schönheit zu tun. Alles, was wir entwerfen, muss einen guten Grund haben. Ein Stuhl mit drei Beinen mag interessant sein, sinnvoll ist er nicht. Wir verwenden am liebsten Materialien, die nicht nur dauerhaft gut, sondern auch dauerhaft schön sind. Erst, wenn Dinge gut altern können, werden sie sinnlich erfahrbar.

Können Sie ein Beispiel geben?

Ein guter Terrazzo oder Holzboden wird mit der Zeit immer schöner. Das setzt natürlich voraus, dass die Dinge auch repariert werden können, was keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Bei der Sanierung eines alten Stadthauses in München haben wir die Farbschichten der Kastenfenster mit einem Spezialverfahren entfernen lassen. Darunter kam ein Holz zum Vorschein, das nach hundert Jahren wie neu war. Das hat mich begeistert.

Sie sind auch ausgebildeter Schreiner. Was hat Sie zum Handwerk gebracht?

Nach der Schule glaubt man, die Welt liege einem zu Füßen. Ich wollte etwas Konkretes machen. Ich hatte das Gefühl, wenig zu wissen, und wollte vorne anfangen und mir eine Meinung dazu bilden, wie etwas funktioniert. Dazu kommt, dass mich Holz und Handwerk in meiner Kindheit prägten. Etwas selber zu schaffen, ist etwas unglaublich Schönes. Die Kombination aus Tradition und Zeitgenössischem. Das war der erste Schritt.

Und Architektur …

… war der nächste Schritt.

Haus für Geoinformationen, Kranzberg

Gästehaus St. Brigida, Ligurien

Sie sprachen von der Verbindung von Tradition und Moderne. Wo sehen Sie sich da?

Vielleicht als transformierter Traditionalist. Es gibt Traditionen, die nach wie vor gut sind, andere haben sich überlebt. Wenn die Tradition nicht mehr ins Umfeld passt, muss man sie hinter sich lassen. Tradition heißt für mich bewährte Herangehensweise und Handwerk. Und davon kann man eine Menge lernen. Man muss nicht alles neu erfinden.

Andererseits haben Sie im Ausland gebaut, in Italien, England, Zentralafrika. Was haben Sie dort gelernt?

Hierzulande ist alles verfügbar und alles möglich. Selbst im europäischen Ausland ist das nicht so. Die Industrie versorgt uns in Deutschland mit immer neuen, vermeintlich besseren Produkten. Früher bestand eine Außenwand aus einer Schicht. Sie hat die Trag-, Dämm- und Schutzfunktion übernommen. Heute kann ein einziges Material all die hohen Anforderungen nicht mehr erfüllen. Die Bauteile setzen sich aus mehreren Einzelschichten zusammen. Jede Schicht übernimmt dabei nur noch eine Aufgabe. Das führt zu komplexen, anfälligen Systemen, die genau aufeinander abgestimmt sein müssen. Der Energieaufwand zur Herstellung ist enorm, die Haltbarkeit meist gering, die Entsorgung teilweise schwierig.

Haus für Geoinformationen, Kranzberg

Education Center Nyanza, Ruanda

Damit wären wir wieder bei Nachhaltigkeit.

Genau. Bauen wird dadurch sehr teuer, und der Handwerker verkommt zum Montagegehilfen für Industrieprodukte. Know-how geht verloren. Da frage ich mich schon, wo das alles hinführen soll und wer sich das noch leisten kann. Mein Blick auf das Wesentliche wurde durch das Arbeiten in anderen Ländern geschärft. Die Lösungen wurden pragmatischer.

Sie haben Büros gebaut und Privathäuser, Kirchen umgebaut und neue entworfen. Was steht noch an?

Da kann ich mir viel vorstellen. So alt bin ich ja auch noch nicht. Ich möchte noch mehr weg von der Hülle, hin zum Inhalt, egal, ob es sich um ein Wohnhaus, ein Verwaltungsgebäude oder öffentliche Gebäude handelt. Es geht weniger um die Bauaufgabe, sondern mehr um die Bedeutung. Ich hoffe, dass ich da erst am Anfang stehe, auch bei mir ist das ein Prozess. In den letzten zehn Jahren habe ich viel Neues entdeckt und gelernt.

Sie führen viele Gespräche mit Ihren Auftraggebern. Klingt nach einer intensiven Zusammenarbeit.

Ja, aber genau das erwarte ich von einem Fachmann: Dass er meine Vorstellungen und Bedürfnisse kennenlernt und Möglichkeiten aufzeigt, den Blick zu weiten, oder Möglichkeiten zeigt, die noch gar nicht bewusst waren. Die Qualität der Architektur hängt stark von der Qualität der Kommunikation ab.

Also Offenheit am Anfang.

Ich finde es ganz wichtig, dass am Anfang Vielfalt steht. Alles ist möglich. Ich kenne den Bauherren und seine Vorstellungen ja noch nicht und möchte nichts vorwegnehmen. Gewohnheiten spielen dabei eine große Rolle. Gemeinsam verdichten wir dann und kommen so zu etwas Tragfähigem, das die Chance hat, auch anders zu werden.

Und das an einem ganz konkreten Ort.

Jede Bauaufgabe ist eine Chance, Situationen neu zu ordnen, zu verbessern oder einfach anders zu bewerten. Die entscheidenden Fragen sind dabei die grundlegenden.

Welche „grundlegenden Fragen“ klären Sie?

Weiche Faktoren, die häufig aus dem Bauch kommen.
Welche Annehmlichkeiten soll ein Gebäude bieten? Wie soll das Gebäude benutzt werden? Was will das Haus an dem konkreten Ort sein? Mit welchen Eigenschaften soll das Gebäude ausgestattet werden?

Dann spiegelt das Haus die Bedürfnisse seiner Bewohner wider?

Unbedingt. Beim Bauen geht es um Menschen. In der heutigen Zeit teilen wir alles, alles ist zugänglich. Wir brauchen aber auch etwas für uns. Einen Ort, an dem wir zur Ruhe kommen können, einen unverwechselbaren Ort, umgeben von sinnvollen Dingen.

Das ist ein großes Wort: sinnvolle Dinge. Können Sie ein Beispiel geben?

Ein Glaskubus mit Betonboden mag als Bild stark sein, aber es fehlen sinnliche Elemente wie beispielsweise Sockelleisten oder Leuchten, auf denen das Auge verweilen mag. Dabei spielen Material und Haptik sowie die Qualität von nicht reflektierenden Oberflächen eine große Rolle.

Wie bereiten Sie sich auf das Grundstück vor?

Ich muss den Ort sehen. Mit dem Bauherren – auch wenn wir dafür über einen rostigen Zaun steigen müssen –, wir sehen uns das Grundstück zusammen an. In der Regel ist es ja schon da. Der Ort spielt eine ganz entscheidende Rolle. Erst durch den Kontext wird das Gebäude referenziert und erhält eine eigene Identität. Wir wollen keine Gebäude bauen, die überall abgestellt werden können. Dabei interessiert mich das, was da ist, die Qualitäten, die bereits vorhanden sind. Durch das Weiterbauen des Ortes und dessen Geschichte kann etwas sehr Verbindliches entstehen.

Was kommt dann?

Gerade bei privaten Aufgaben ist die Frage spannend, welcher persönliche Bezug zum Grundstück besteht: Ist es schon lange im Besitz der Familie? Haben die Bauherren ewig danach gesucht – oder hat es sich einfach so ergeben? All das zeigt die Verbindung der Bauherren mit dem Ort. Da spürt man, was ihnen wichtig ist. Also möglichst offen an den Ort fahren und ihn gemeinsam ansehen. Danach fahre ich nochmals alleine hin, schlendere über das Grundstück und sehe es mir von allen Seiten an. Das führt schließlich zur Frage: Was macht den Ort aus?

Welche Rolle spielt der Ort?

Wichtig ist, was schon da ist: Größenordnungen, Ausblicke, Sonnenstände etc.
Entscheidend ist, wie die Umgebung aussieht. Wir bauen ja nicht egoistisch irgendetwas, sondern erweitern, ja vervollständigen die Umgebung. Und das ist eine neue Ebene. Beim Bauen geht es doch immer auch darum, sich zu benehmen. Das ist eine Verpflichtung der Immobilie an den Ort, weil sie im Idealfall die nächsten hundert Jahre dort steht.

Ihr Credo beim Umgang mit Bauherren?

Ich baue nicht für mich, sondern für den Kunden. Das ist entscheidend und steht außer Frage.

Wie steht es mit Beschränkungen beim Bauen: Größe, Geld, Zeit?

Ganz wichtig. Einschränkungen machen oft kreativer. Sie sind Teil einer guten Lösung. Wenn alles möglich wäre, würde etwas Beliebiges entstehen. Ich denke, die Identität eines Ortes und der Bezug dazu entstehen erst durch die Eigenheiten, vielleicht durch den Makel. Das geht uns doch bei Menschen auch so. Das Perfekte ist eine Illusion, leblos und nur von kurzer Dauer.

Was verändert sich durch Skizzen und Modelle?

Anfangs ist das Haus ein ungeschliffener Diamant, es gibt noch keinen Schallschutz – und auch keinen Brandschutz. Dann fängt man an zu schleifen und arbeitet mit Raumgrößen und Abstandsflächen. Es verankert sich mehr und mehr mit dem Ort und dem Bauherren und wird realer. Hier sieht man ziemlich schnell, wie stark die Idee eigentlich ist. Ist der rote Faden kräftig genug? Man hinterfragt und schärft die Idee, bis die Balance aller Elemente stimmt.

Da wären wir wieder bei Beschränkungen.

Genau. Ein Bett hat eben gewisse Abmessungen, ebenso wie ein Schrank. Pragmatische Themen wie diese helfen, eine Idee in Form zu bringen. Das unterscheidet uns von der bildenden Kunst, dass wir Dinge benutzen müssen (und wollen).

Aber Sie können ja auch auf Wünsche eingehen, auf vier Meter fünfzig Raumhöhe und entsprechende Türen.

Wenn sie die starke Idee und das Konzept unterstreichen, klar, sofort. Architektonische Entscheidungen dürfen aber nicht willkürlich oder zufällig sein.

Wobei Sie als Architekt ja nicht Bestehendes verkaufen, sondern gewissermaßen alles selbst schneidern.

Ja. Aber nicht aus einer Selbstverliebtheit heraus. Es geht um eine Maßanfertigung vor Ort für die Wünsche der Bauherren.

Der Bauherr ist mit dem Entwurf zufrieden, ist das Bauen damit abgeschlossen?

Die Umsetzung steht und fällt mit den Handwerkern, denn nur mit ihnen kommt man weiter. Die Trias Bauherr, Planer, Handwerker ist entscheidend. Wenn einer der drei fehlt, funktioniert es nicht. Das hat sehr viel mit Vertrauen zu tun.

Oft geht es dabei eher um Kosten als um Vertrauen.

Von Schnäppchenjagd halte ich nichts. Wir durchleuchten mit dem Bauherren sehr genau die Angebote und schauen uns Werkstätten der Firmen vor Ort an.

Das klingt aufwendig, aber es lohnt sich, denn der Ärger hinterher übersteigt um ein Vielfaches den vermeintlichen Preisvorteil. Eine Baustelle braucht Stringenz, sonst leidet immer die Qualität. Eine enge Kommunikation und ein gutes Miteinander ist für mich selbstverständlich.

Und wenn es zäh wird?

Es gibt solche Phasen, vor allem nach dem Rohbau. Da müssen alle durch und den Spannungsbogen aufrechterhalten. Sichtbar mag wenig passieren, aber dann kommt die Technik, und bis es dann wieder schön wird mit Oberflächen, dauert es eben.

Bauen hat also auch mit Sekundärtugenden zu tun – mit Durchhaltevermögen, Verlässlichkeit, …

Durchaus, aber mit ordentlichen Bauzeitplänen und einem guten Team ist vieles möglich. Bauen ist das Zusammenfügen von tausenden Enden zu einem Ganzen. Es geht um Schnittstellen. Eine Wand hochzumauern, ein Fenster zu setzen und ein Dach draufzusetzen ist nicht das Problem, die Herausforderung ist, die Qualität hoch zu halten, damit am Ende ein Gebäude entsteht, das den Bauherren langfristig überzeugt.

Was treibt Sie also an?

Für mich steckt im Bauen etwas unglaublich Positives, und das soll auch so bleiben.

Ein Gespräch mit Oliver Herwig.



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